Emobilität.wien traf sich zum Interview mit dem Geschäftsführer von Enio GmbH, die in Europa rund 6.000 Ladepunkte betreibt. Ing. Mag. Friedrich Vogel beantwortet aktuelle Fragen, wie die Ladeinfrastruktur in Wien aussehen soll, welche Mindestanforderungen er an eine Ladestation stellt, ob das Hamburger- oder Berliner Modell für Wien sinnvoller erscheint und was ihm beim Thema E-Mobilität besonders am Herzen liegt.

Emobilität.wien: Herr Vogel, wie sehen Sie die aktuelle Marktlage im Bereich der E-Mobilität?
Friedrich Vogel: Ich muss sagen, dass wir gut leben können mit unserem Businessmodell. Jedoch befinden wir uns noch in einer Pionierzeit, die noch viel Investment unsererseits benötigt. Wir sind uns aber sicher, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Bedarf an Systemlösungen im Bereich der E-Mobilität ganz dramatisch ansteigen wird.

Emobilität.wien: Welche Dienstleistungen und Produkte bieten Sie Ihren Kunden an?
Friedrich Vogel: Wir bieten Lösungen im Bereich der Hard- und Software für Elektroladestellen an. Die Hardware kaufen wir großteils zu und komplettieren diese nach unseren Kundenbedürfnissen. Bei der Software-Lösung handelt es sich um ein Ladestellen-Managementsystem, das die intelligente Steuerung von Elektroladestellen ermöglicht. Damit verwirklichen wir einerseits, dass der emobile Autofahrer eine Ladestelle findet und andererseits zeigen wir ihm an, ob diese auch gerade für ihn verfügbar ist und genutzt werden kann. Für private Betreiber haben wir eine intelligente „Gartenzaunladestelle“ unter dem Namen YouCharge entwickelt.

Emobilität.wien: Autofahrer und Betreiber von Ladesäulen wollen einen einfachen Zugang mit einer klaren Abrechnungsmöglichkeit. Wie können Sie mit Ihren Produkten und Dienstleistungen dem gerecht werden?
Friedrich Vogel: Der Autofahrer fragt sich natürlich: „Wie melde ich mich bei einer Elektroladestelle an?“ Das muss extrem effizient sein, da man die Beträge, die man dort abwickelt, sehr klein sind. Also ein paar Euro. Und es muss nach einer EU-Verordnung ein offenes System sein. Das ist einer unserer großen Stärken. Wir haben sehr früh schon begonnen, ein offenes Bezahlsystem zu ermöglichen. Die Bezahlung erfolgt bei uns über einen Webshop, das Smartphone, eine SMS oder einer RFID-Karte, wenn man gewisse Vorteile nutzen möchte. Damit muss man nicht mehr mit einem Stoß an Karten durch die Gegend laufen.

Bild  Friedrich Vogel vor System YouCharge  von Enio
Intelligentes Ladesäulenkonzept: Friedrich Vogel vor Ladesystem YouCharge von Enio

Emobilität.wien: Wie viele Ladestationen sind von Enio GmbH in Betrieb?
Friedrich Vogel: Wir selbst haben rund 100 Ladepunkte im Betrieb. Zusätzlich managen wir aktuell mit unserer Software über 6000 Ladepunkte für unsere Kunden in ganz Europa. Hier muss man unterscheiden zwischen Ladepunkten und Ladestellen. Denn eine Ladestelle ist relativ undefiniert. Die kann einen Ladepunkt haben, oder auch einmal vier oder fünf.

Emobilität.wien: Kommen wir nach Wien. Wie sollte eine optimale Ladeinfrastruktur in der Stadt gestaltet sein?
Friedrich Vogel: Ein wichtiger Punkt der Ladeinfrastruktur ist für mich, dass diese umwelt- und energiepolitisch sinnvoll eingesetzt wird. Dies wird dann realisiert, wenn möglichst viele Fahrzeuge, immer wenn sie abgestellt werden, an einer Ladesäule angeschlossen sind. Die Idee dahinter ist, dass ich erneuerbare Energien viel effizienter und besser nutzen kann. Also, wenn die Sonne scheint und der Wind bläst, sollen die Autos laden. Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, und auch die Donaukraftwerke in der Industrie und den Haushalten benötigt werden, dann sollen die E-Autos salopp gesagt Ruhe geben und sich zurückhalten.

Emobilität.wien: Welche technische Mindestanforderung sehen Sie für einen Ladepunkt?
Friedrich Vogel: Es müssen mindestens die elektrotechnischen Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Für die Stadt würde ich im Allgemeinen eher ein sehr dichtes Netz an Langsamladestationen (max. 22 kW) empfehlen. Vielleicht punktuell auch schnellere Stationen, dort bleibt man zwanzig Minuten, wenn man gerade einen schnellen Bedarf hat. Ansonsten sollte es ein sehr dichtes und kostengünstiges Netz mit geringer Leistung sein. Das ist auch günstig, da man nur einen geringen Ausbau der technischen Infrastruktur (Kabel und Transformatoren) benötigt. Technisch sollten die Ladepunkte modulierend gesteuert werden können. Je nach dem wie viel erneuerbare Energie gerade im Netz ist, und wie eilig man es hat, ist die Leistung zwischen 0 bis 22 kW variabel für das Aufladen abrufbar. Statistisch gesehen verwenden nur rund 2-3 % der Benutzer das schnellere Ladeverfahren.

Emobilität.wien: In Hamburg ist der städtische Energieversorger für den Aufbau und Betrieb einer Ladeinfrastruktur zuständig. In Berlin gab es eine Ausschreibung, bei der ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Stadtregierung den Aufbau und Betrieb übernimmt. Welches System ist für Wien die bessere Variante?
Friedrich Vogel: Ich glaube, dass man für eine schnelle Umsetzung der Ladeinfrastruktur aufpassen muss, dass man keine Monopolstellung schafft. Damit sich der Monopolist nicht besonders anstrengen muss, sich zurücklehnen und sagen kann: „Ich mache das schon, wenn ich Geld habe, wenn der Bedarf einmal da ist. Ich brauche noch nicht investieren. Wenn einmal Elektroautos kommen, dann mach ich das dann.“ Dieses große Risiko sehe ich in Wien.

Emobilität.wien: Welche Regeln würden Sie für einen Errichter und Betreiber einer Ladeinfrastruktur vom Gesetzgeber vorgeben lassen?
Friedrich Vogel: Ich würde möglichst wenig regeln, da es ja genug Regeln gibt. Zum Beispiel die technischen Sicherheitsregeln. Eine Regel könnte jedoch schon sein, dass die Ladeinfrastruktur das Stadtbild nicht stört. Aber nicht in dem Sinne, dass man vorgibt, wie eine Ladestation aussehen soll, sondern dass sie nicht zu aufdringlich und auffällig ist. Eine Ladestationen kann sehr dezent und zurückhaltend designed werden. Einen Meter sollte die Ladesäule schon hoch sein, damit man nicht darüber stolpert.

Emobilität.wien: Um eine barriere- und diskriminierungsfreie Infrastruktur zu gewährleisten ist eine Clearing-Stelle notwendig. Sollte diese von der Stadt Wien eingerichtet werden?
Friedrich Vogel: Eine Clearing-Stelle für eine einzelne Stadt oder auch für ein kleines Land wie Österreich halte ich nicht für sinnvoll. Eine Clearingstelle sollte europaweit kommen. Ansätze sind dafür mit Hubject und eClearing bereits da. Da können sich sowieso schon alle jetzt anschließen. Wenn Wien sich eine zusätzliche schafft, dann sollte sie sich an die Normschnittstellen halten, die im europäischen Raum gebräuchlich sind. Eine eigene Clearing-Stelle könnte auch als ein Versuch der Abschottung und des regionalen Gebietsschutzes gesehen werden. Die ehemaligen Landesenergieversorger sollten nicht den Versuch machen, sich Österreich in Bezug auf Ladestellen regional aufzuteilen und damit andere Marktteilnehmer zu Lasten eines vernünftigen Wettbewerbs abzublocken. Das wäre sicher nicht im Interesse der E-Mobilität.

Emobilität.wien: Das Thema E-Mobilität zieht nun langsam immer größere Kreise. Was liegt Ihnen persönlich bei der Debatte über E-Mobilität am Herzen?
Friedrich Vogel: Das E-Mobilität ein wirklich wichtiger und richtiger Schritt in Richtung einer umweltfreundlichen Mobilität sein kann, wenn man es richtig macht. Sprich eine Einbindung in erneuerbare elektrische Energiekonzepte realisiert, also ein gesamtwirtschaftliches Konzept entwickelt. Und andererseits darf man natürlich nicht vernachlässigen, die Mobilität möglichst intermodal zu gestalten, d.h. nicht den selben Blödsinn den man heute macht, dass man jeden einzelnen Kilometer mit dem Auto unterwegs ist, nun elektrisch zu machen. Das halte ich nicht für sinnvoll. Es muss also eigentlich Hand in Hand gehen, eine Reduktion des Individualverkehrs zu Gunsten des Öffentlichen Verkehrs und gleichzeitig den Rest zu elektrifizieren.

Zur Person
Ing. Mag. univ. oec. Friedrich Vogel ist unter anderem Gründer und Geschäftsführer von Enio GmbH und sowohl in Österreich als auch in Europa tätig. 2013 gründete er mit einem Geschäftspartner das Unternehmen und ist mittlerweile eines der erfolgreichsten im Bereich der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge. Vor sechs Jahren gewann er den Staatspreis Mobilität 2011. Als begeisterter Nutzer von E-Mobilität legt er rund 90% seiner Fahrten mit Öffentlichen Verkehrsmitteln und seine restlichen individuellen Fahrten elektrisch zurück.

Bild  Ladeinfrastruktur Ing. Mag. Friedrich Vogel, CEO Enio GmbH
Ing. Mag. Friedrich Vogel, CEO Enio GmbH
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